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5 wichtige Aussagen aus dem Gespräch
Kunst und Mathematik sind keine Gegensätze, sondern teilen eine gemeinsame Idee von Ästhetik und Struktur.
Gute Fotografie entsteht aus einem Zusammenspiel von Konzept und Offenheit – Intuition braucht Vorbereitung.
Das Buch L’odeur de la Patrie ist eine fotografische Reise durch Europa und die eigene Familiengeschichte, mit dem Thema Heimat als sinnliche Erinnerung.
Kuration bedeutet Verdichtung: weniger Bilder, klarere Aussage, mehr Wirkung.
Bücher und Ausstellungen erzählen Bilder völlig unterschiedlich – linear versus räumlich.
Jean-Luc Caspers im Leica Enthusiast Podcast
Über Ästhetik, Heimat, Bildauswahl und das Denken in Zusammenhängen
In dieser Podcastfolge spricht Michel Birnbacher mit dem Fotografen und Kurator Jean-Luc Caspers über Fotografie als künstlerischen Prozess – jenseits von Technik, Kameramodellen oder schnellen Rezepten. Es geht um Haltung, um Denken in Bildern und um die Frage, wie Fotografie Bedeutung entwickelt.
Jean-Luc bringt dafür einen ungewöhnlichen Hintergrund mit: Er begann an der Kunstakademie, studierte später Mathematik und fand schließlich wieder zurück zur Kunst. Was zunächst wie ein Umweg wirkt, beschreibt er als logische Entwicklung. Denn für ihn verbindet beide Disziplinen ein zentraler Begriff: Ästhetik. Nicht im oberflächlichen Sinn von „schön“, sondern als innere Stimmigkeit, als Klarheit von Struktur und Idee. Dieses Verständnis prägt bis heute seinen Blick auf Bilder – sowohl auf die eigenen als auch auf die Arbeiten anderer.
Vom großen Thema zum kleinen Moment
Ein zentrales Motiv des Gesprächs ist Jean-Lucs Credo, „das Große wieder im Kleinen zu denken“. Er beschreibt damit eine bewusste Abkehr von allzu großen, abstrakten Aussagen. Statt Weltbilder zu formulieren, die im Alltag kaum überprüfbar sind, richtet er den Blick auf konkrete Situationen, auf kleine, greifbare Momente.
In der Fotografie bedeutet das: Ein Bild muss nicht laut oder spektakulär sein, um etwas zu erzählen. Oft liegt die eigentliche Aussage in einer beiläufigen Szene, einer kurzen Geste oder einer Stimmung, die nur einen Augenblick dauert. Jean-Luc erlaubt sich dabei, Bilder nicht sofort zu erklären oder zu „verstehen“. Manches erschließt sich erst später – beim Sichten, beim Ordnen, beim erneuten Betrachten.
Intuition ist kein Zufall
Spannend ist sein Umgang mit dem Begriff Intuition. Für Jean-Luc ist Intuition nichts Beliebiges oder Zufälliges. Sie entsteht aus Erfahrung, aus Vorarbeit und aus gedanklichen Rahmenbedingungen. Er beschreibt, dass er mehrere Projekte und Fragestellungen wie unsichtbare „Schubladen“ im Kopf mit sich trägt. Wenn ihm unterwegs eine Situation begegnet, die zu einer dieser Schubladen passt, reagiert er – manchmal sofort, manchmal zögernd, manchmal auch gar nicht.
Diese Arbeitsweise schafft Freiheit und Disziplin zugleich. Freiheit, weil er offen bleibt für das, was passiert. Disziplin, weil nicht alles gleich fotografiert werden muss. Nicht jeder Moment verlangt nach einem Bild.
L’odeur de la Patrie – Der Geruch der Heimat
Ein großer Teil des Gesprächs dreht sich um Jean-Lucs aktuelles Buch L’odeur de la Patrie („Der Geruch der Heimat“). Es ist eine fotografische Reise durch Frankreich und Norditalien, verbunden mit seiner eigenen Familiengeschichte und der Frage nach europäischer Identität.
Heimat versteht Jean-Luc dabei nicht als klar umrissenen Ort, sondern als Erinnerung – oft verknüpft mit Gerüchen, Atmosphären und Sinneseindrücken. Der Titel verweist bewusst auf diese Ebene: Auch wenn Fotografie keinen Geruch transportieren kann, ruft sie Erinnerungen wach. Bilder können etwas auslösen, das weit über das Sichtbare hinausgeht.
Im Buch treffen verschiedene Zeitebenen aufeinander: eigene aktuelle Fotografien, historische Familienbilder und Farbdias früherer Generationen. Diese Ebenen werden nicht streng chronologisch erzählt, sondern miteinander verwoben. Orte werden zu Symbolen, Bilder zu Anknüpfungspunkten für eigene Erinnerungen der Betrachter.
Erzählen im Buch: Linear, aber nicht starr
Jean-Luc nutzt die lineare Struktur eines Buches bewusst, ohne sie dogmatisch zu verstehen. Zwar beginnt ein Buch vorne und endet hinten, doch innerhalb dieses Rahmens erlaubt er Brüche, Rückgriffe und parallele Erzählstränge. Das Ziel ist kein dokumentarischer Reisebericht, sondern eine emotionale und gedankliche Nachvollziehbarkeit.
Der Leser soll nicht nur seine Geschichte lesen, sondern eigene Bezüge herstellen können. Viele der gezeigten Motive stehen exemplarisch für Erfahrungen, die in vielen europäischen Familien ähnlich verlaufen sind – insbesondere im Kontext von Krieg, Nachkriegszeit und Versöhnung.
Kuration: Weniger ist fast immer mehr
Als Kurator arbeitet Jean-Luc regelmäßig mit Fotograf:innen zusammen, die Unterstützung bei der Auswahl und Zusammenstellung ihrer Bilder suchen. Seine Herangehensweise ist analytisch, aber nie dogmatisch. Am Anfang stehen Fragen: Was ist das verbindende Thema? Welche Bilder tragen wirklich zur Erzählung bei? Wo wiederholen sich Aussagen, ohne sie zu vertiefen?
Gerade Redundanz ist für ihn ein häufiger Stolperstein. Mehr Bilder bedeuten nicht automatisch mehr Aussage. Oft sind es minimale Unterschiede – Licht, Blick, Fokus, Stimmung –, die darüber entscheiden, welches Bild stärker ist. Kuration bedeutet in diesem Sinn nicht Einschränkung, sondern Klarheit.
Gleichzeitig betont er die Verantwortung im Umgang mit Menschen. Kritik muss dem Entwicklungsstand angepasst sein. Ziel ist nicht, jemanden zu entmutigen, sondern Wachstum zu ermöglichen.
Buch und Ausstellung – zwei unterschiedliche Welten
Ein weiterer wichtiger Punkt: Bilder im Buch funktionieren anders als Bilder im Raum. Während ein Buch eine klare Reihenfolge vorgibt, erzählen Ausstellungen über Blickachsen, Eintrittssituationen und räumliche Beziehungen. Schon die Position der Tür kann beeinflussen, welches Bild als erstes wahrgenommen wird.
Deshalb ist eine Ausstellung nie einfach die „Vergrößerung“ eines Buches. Die gleiche Bildserie kann in verschiedenen Räumen völlig unterschiedlich wirken. Kuration wird hier zu einer Form von Regiearbeit.
Werkzeugwahl und der sogenannte Leica-Look
Zum Schluss spricht Jean-Luc über seine Arbeitsmittel. Er entscheidet sich projektbezogen für bestimmtes Equipment – ähnlich wie ein Maler für einen bestimmten Pinsel. Dabei beschränkt er sich bewusst. Wenn eine Szene mit dem vorhandenen Werkzeug nicht funktioniert, kommt er ein anderes Mal zurück.
Zum viel zitierten „Leica-Look“ sagt er: Es gibt ihn – und doch wieder nicht. Leica-Objektive aus unterschiedlichen Epochen sehen sehr verschieden aus. Und dennoch bleibt über Jahrzehnte hinweg ein schwer greifbarer, aber spürbarer Charakter erhalten. Ein gewisser Schmelz, der weniger technisch erklärbar ist als emotional erfahrbar.




