Patrick Lipke zu Gast bei Michel Birnbacher

Wie wird aus Leidenschaft ein Beruf? Im Gespräch mit Michel Birnbacher erzählt Fotograf Patrick Lipke von seinem Weg zur Selbstständigkeit, Hochzeitsfotografie, Leica-Kameras und der Haltung hinter guten Bildern. Ein ehrlicher Blick hinter die Fotografie.

Vom Jugendfotopreis zur Leica M

Ein Gespräch über Fotografie, Menschen und Haltung

Wenn zwei Fotografen miteinander sprechen, die Fotografie nicht nur als Technik, sondern als Haltung begreifen, entsteht mehr als ein klassisches Interview. Das Gespräch zwischen Michel Birnbacher und Patrick Lipke ist genau das: eine Reise durch biografische Wendepunkte, berufliche Entscheidungen, Kameraliebe – und vor allem durch die Frage, warum wir überhaupt fotografieren.


Die Anfänge: Natur, Neugier und ein unerwarteter Pokal

Patricks fotografische Reise beginnt leise. Seine erste Kamera ist eine Olympus-Systemkamera, gekauft vom eigenen Konfirmationsgeld. Er fotografiert Wälder, Wiesen und Landschaften – Motive, die nicht weglaufen. Fotografie ist zunächst ein persönlicher Rückzugsort, kein Karriereziel.

Ein frühes Schlüsselerlebnis folgt dennoch: Ein Foto eines springenden Freundes wird beim Berliner Jugendfotopreis ausgezeichnet. Patrick erinnert sich kaum an die Einreichung – doch der Pokal steht bis heute bei seinen Eltern. Rückblickend ist dieser Moment wichtig, weil er etwas auslöst: das Gefühl, dass Fotografie vielleicht mehr sein kann.


Canon, erste Zweifel und der Wunsch nach mehr

Mit der Canon 450D öffnet sich eine neue Welt: Wechselobjektive, Kontrolle, Gestaltung. Gleichzeitig wächst der äußere Druck. In der Kleinstadt gilt Fotografie nicht als ernstzunehmender Beruf. Sicherheit scheint wichtiger als Leidenschaft.

Doch Patrick bleibt dran. Kleine Projekte, Ausstellungen, kreative Aktionen mit Freunden – Fotografie bleibt konstant, während andere Interessen kommen und gehen.


Der Wendepunkt: Steffen Böttcher und das Praktikum

Der entscheidende Umbruch kommt während des Zivildienstes. Patrick stößt online auf Steffen Böttcher (Stilpirat). Nach einigem Zögern schreibt er ihn an. Das Treffen in Hamburg wird prägend: ehrliches Feedback, direkt, ungeschönt – aber fördernd.

Das anschließende Praktikum verändert alles. Patrick begleitet Hochzeiten, erlebt Reportagefotografie aus nächster Nähe und versteht, was es bedeutet, fremden Menschen an einem der intimsten Tage ihres Lebens nahe zu kommen. Besonders prägend: Steffens Vertrauen, Patricks Bilder in echte Kundengalerien aufzunehmen.


Hochzeiten als Schule der Fotografie

Hochzeitsfotografie wird zum Einstieg in die Selbstständigkeit. Nicht aus Kalkül, sondern aus Überzeugung. Patrick beschreibt Hochzeiten als emotionales Biotop: Nähe, Dankbarkeit, echte Momente.

Er arbeitet ungestellt, beobachtend, menschlich. Inszenierung lehnt er ab, wenn sie den Moment verdrängt. Paare, die Perfektion über Erlebnis stellen, passen nicht zu ihm – und umgekehrt.


Selbstständigkeit braucht Struktur

Ein zentrales Thema des Gesprächs ist das Business. Patrick spricht offen über die Rolle eines Business-Coaches, der ihm früh klarmacht: Leidenschaft allein reicht nicht. Zeitmanagement, Kundenakquise, Planung und klare Prozesse sind entscheidend.

Besonders deutlich wird seine Haltung zum richtigen Zeitpunkt der Selbstständigkeit: Wer früh startet, ohne große Verpflichtungen, kann lernen und Fehler machen. Wer wartet, zahlt später einen höheren Preis.


Die erste Leica: Ein Moment auf Mallorca

Der Leica-Moment kommt unerwartet – auf einer Hochzeit in Spanien. Patrick probiert erstmals eine Leica Q aus. Kein Datenblatt, kein Vergleichstest – sondern Gefühl, Reduktion, Ruhe.

Seit 2017 begleitet ihn seine Leica Q1 täglich. Sie wird zur kreativen Konstante. Leica steht für ihn nicht für Überlegenheit, sondern für Inspiration.


Nikon und Leica: Kein Widerspruch

Trotz Leica-Leidenschaft bleibt Patrick pragmatisch. Sein professionelles Arbeitstier ist weiterhin Nikon – aus Gründen von Workflow, Autofokus und Dateigröße. Leica ist keine Ablösung, sondern eine bewusste Ergänzung.

Mit der Leica M10-R findet er schließlich ein Werkzeug, das ihn entschleunigt. Manuelles Fokussieren, weniger Bilder, mehr Aufmerksamkeit. Besonders in der Porträtfotografie schätzt er die Wirkung: Menschen fühlen sich weniger beobachtet, weniger technisch „erfasst“.


Menschen vor Technik

Ein zentrales Motiv des Gesprächs ist Patricks Umgang mit Menschen. Viele Kundinnen und Kunden fühlen sich unfotogen oder unsicher. Patrick widerspricht klar:
„Unfotogen gibt es nicht.“

Seine Aufgabe sieht er darin, Menschen mitzunehmen, ihnen Sicherheit zu geben und ihre Persönlichkeit sichtbar zu machen. Die Kamera tritt dabei bewusst in den Hintergrund.


Leica als Begegnung

Zum Ende wird deutlich: Leica ist für Patrick mehr als ein Kamerasystem. Gespräche, Begegnungen, Freundschaften entstehen oft allein durch die Kamera um den Hals. Fotografie wird verbindend.


Fazit

Dieses Gespräch ist keine Technikshow – auch wenn Kameras eine Rolle spielen. Es ist ein ehrlicher Austausch über Entscheidungen, Zweifel, Mut und Haltung. Über Fotografie als Lebensweg, nicht als Produkt.

Wer zuhört oder liest, nimmt weniger Einstellungen mit – dafür umso mehr Orientierung.

Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Weitere Beiträge

Firmware Leica M11

Die Firmware in der Kameras ist wie das Betriebssystem eines Computers. Sie steuert die Hardware der Kamera (zB Sensoren, Belichtungsmessung und vieles mehr) und ermöglicht die Nutzung von Menüs und Einstellungen.

Read More »

Jean-Luc Caspers zu Gast bei Michel Birnbacher

Künstlerische Fotografie lebt nicht von Technik allein, sondern von Haltung, Konzept und bewusster Bildauswahl.
Im Leica Enthusiast Podcast spricht Michel Birnbacher mit dem Fotografen und Kurator Jean-Luc Caspers über künstlerische Fotografie, Bildauswahl, Portfolio-Reviews und das Erzählen mit Bildern. Thema sind unter anderem der Unterschied zwischen Fotobuch und Ausstellung, die Bedeutung von Kuration sowie Jean-Luc Caspers’ Buch L’odeur de la Patrie, das Fotografie mit Fragen nach Heimat, Erinnerung und europäischer Identität verbindet. Der Beitrag richtet sich an Fotograf:innen, die ihre Leica Fotografie vertiefen, Bilder bewusster auswählen und Fotoprojekte konzeptionell entwickeln möchten.

Read More »

Holger Strehlow über Fred Stein zu Gast bei Michel Birnbacher

Fred Stein – ein Name, der viel zu selten fällt, wenn es um große Fotografen des 20. Jahrhunderts geht. Geboren 1909 in Dresden, floh er vor den Nationalsozialisten nach Paris, wo er mit einer Leica I die Streetfotografie für sich entdeckte. Später in New York porträtierte er Größen wie Albert Einstein, Hannah Arendt oder Willy Brandt und dokumentierte das urbane Leben mit unvergleichlichem Blick. Gemeinsam mit Holger Strehlow spricht Michel Birnbacher über Steins Leben, seine Technik, seine Haltung zur Fotografie und warum seine Bilder bis heute faszinieren. Ein Muss für alle Leica-Enthusiasten und Liebhaber klassischer Streetfotografie.

Read More »

Andreas Groth zu Gast bei Michel Birnbacher

In dieser Folge des Leica Enthusiast Podcasts spricht Michel Birnbacher mit Andreas Groth über Streetfotografie, Nähe und Echtheit sowie die Bedeutung scheinbar unspektakulärer Bilder wie des klassischen Gruppenfotos. Andreas erzählt von seiner Leidenschaft für Menschenbilder, warum er mit Zonenfokus, 25 mm und Blende 8 arbeitet und weshalb ihn die Reduktion einer Leica M begeistert. Außerdem: Fotografie als Therapie und kreative Freiheit ohne Autofokus.

Read More »
Scroll to Top