Dr. Andreas Kaufmann über Leica: Haltung, Technologie und die Zukunft der Fotografie
Wenn Dr. Andreas Kaufmann über Leica spricht, tut er das nicht aus der Distanz eines reinen Managers, sondern aus der Perspektive eines Menschen, der sich tief mit Technik, Geschichte und fotografischer Kultur auseinandergesetzt hat. Im Gespräch mit Michel Birnbacher im Leica Enthusiast Podcast entsteht so kein klassisches Interview, sondern ein vielschichtiger Blick auf Leica, auf Fotografie und auf die Frage, wie sich eine traditionsreiche Marke in einer zunehmend digitalen Welt behaupten kann.
Kaufmanns persönliche Leica-Geschichte beginnt vergleichsweise unspektakulär. Seine erste bewusste Begegnung mit der Marke hatte er über seine damalige Freundin, die eine fotografische Ausbildung absolvierte. Für ihn war eine Kamera zu diesem Zeitpunkt schlicht ein Werkzeug. Für sie war eine Leica etwas grundlegend anderes. Der Satz „Das ist keine Kamera, das ist eine Leica“ blieb hängen – auch wenn Kaufmann selbst erst viele Jahre später, im Jahr 2004, seine erste Leica kaufte: eine Leica MP aus Wien. Leica war für ihn damals weniger Leidenschaft als kulturelles Symbol.
Der eigentliche Weg zu Leica führte nicht über Fotografie, sondern über Industrie und Unternehmertum. Gemeinsam mit seinen Brüdern investierte Kaufmann Anfang der 2000er-Jahre in mittelständische Unternehmen in Deutschland. Über Feinwerktechnikfirmen mit historischer Leica-DNA kam er nach Wetzlar – und damit zwangsläufig in direkten Kontakt mit Leica. Entscheidender als Produkte waren für ihn die Menschen: Entwickler, Ingenieure und Führungskräfte mit außergewöhnlichem Know-how. Als sich 2004 die Möglichkeit ergab, bei Leica einzusteigen, war das keine romantische Entscheidung, sondern eine Mischung aus Respekt vor der Marke, Vertrauen in die handelnden Personen und dem Bewusstsein, dass Leica vor einem massiven technologischen Umbruch stand.
Ein zentrales Thema des Podcasts ist die häufig geäußerte Kritik, Leica habe die Digitalisierung verschlafen. Dr. Andreas Kaufmann widerspricht dem deutlich. Bereits 1996 entwickelte Leica mit der Leica S1 eine digitale Kamera mit hoher Auflösung, eigenem Betriebssystem und damals ungewöhnlichen Speicherlösungen. Scannertechnik, Softwareentwicklung und digitale Bildverarbeitung gehörten bei Leica schon früh zum Alltag – lange bevor digitale Fotografie im Massenmarkt ankam. Dieses frühe Software-Know-how sei bis heute ein entscheidender Teil der Leica-DNA, werde jedoch oft unterschätzt.
Nach dem Einstieg Kaufmanns begann zwischen 2004 und 2009 eine intensive Phase der Restrukturierung. Mit der Leica M8 erschien 2006 die erste digitale M, gefolgt von der Leica M9 mit Vollformatsensor. Parallel experimentierte Leica mit digitalen Rückteilen für das R-System und entwickelte mit der Leica S ein völlig neues Kamerasystem. Die S-Kameras stehen für Kaufmann bis heute für einen mutigen Ansatz: Mittelformatqualität in einem vergleichsweise kompakten System, technologisch einzigartig, aber nicht immer leicht zu erklären oder zu vermitteln.
Besonders deutlich zeigt sich Leicas Haltung in der Einführung der Leica M Monochrom im Jahr 2012. Eine digitale Kamera, die ausschließlich Schwarzweiß fotografiert, ohne Farbfilter und ohne nachträgliche Umrechnung. Kaufmann erklärt im Podcast die technischen Vorteile eines Monochrom-Sensors: höhere Informationsdichte, mehr Zeichnung, direkterer Zugriff auf die Bilddaten. Die Monochrom wurde so zum Sinnbild für Leicas Bereitschaft, konsequent Nischen zu besetzen – nicht aus Marketinggründen, sondern aus technischer Überzeugung.
Mit der Leica M10 kehrte Leica 2017 sichtbar zur eigenen Essenz zurück. Die Kamera orientierte sich wieder an den klassischen Abmessungen der analogen M-Modelle und verzichtete bewusst auf Video. Kaufmann betont, dass diese Entscheidung weniger ideologisch als technisch motiviert war: Video erzeugt Hitze, benötigt mehr Energie und erzwingt größere Gehäuse. Die M10 wurde für viele Fotografen zu einer Leica, die wieder klar Haltung zeigt – und genau deshalb neue Aufmerksamkeit erlangte.
Immer wieder spricht Kaufmann über das Spannungsfeld zwischen Technik und fotografischem Verständnis. Autofokus und Vollautomatik sieht er im Kontext der M kritisch. Fotografieren bedeute, Licht, Entfernung und Situation zu verstehen. Technik solle unterstützen, nicht ersetzen. Ideen wie eine autarke Digitalkamera mit Dynamo oder bewusst begrenzter Bildanzahl werden nicht als Gimmicks diskutiert, sondern als Denkanstöße für eine entschleunigte, bewusstere Fotografie.
Bemerkenswert offen spricht Kaufmann auch über seine eigene Fotografie. Er fotografiert regelmäßig mit unterschiedlichen Leica-Systemen, je nach Anwendung. Bevorzugt arbeitet er manuell, mit klassischen Brennweiten wie 35 oder 50 Millimetern. Seine Motive reichen von Landschaften rund um Salzburg über Reiseszenen bis hin zu flüchtigen Situationen aus dem Auto heraus. Inspiration findet er weniger in Fotobüchern als in Prints – etwa ikonischen Bildern von Alberto Korda oder Eddie Adams, die in seinem Büro hängen und ihn an die Bedeutung von Auswahl, Ausschnitt und Kontext erinnern.
Zum Ende des Gesprächs richtet sich der Blick nach vorn. Dr. Andreas Kaufmann deutet an, dass Leica in naher Zukunft nicht nur neue Kameras, sondern vor allem technologische Entwicklungen zeigen werde. Software, Bildverarbeitung und intelligente Eingriffe in den Bildstrom spielen dabei eine zentrale Rolle. Vieles von dem, was heute unter dem Begriff künstliche Intelligenz diskutiert wird, habe bei Leica bereits seit Jahren eine Vorgeschichte. Diese Entwicklungen sollen künftig systemübergreifend sichtbar werden.
Das Gespräch im Leica Enthusiast Podcast macht deutlich, dass Leica unter der Verantwortung von Dr. Andreas Kaufmann weniger von kurzfristigen Trends getrieben wird als von einer klaren Haltung. Leica versteht sich nicht nur als Kamerahersteller, sondern als Teil fotografischer Kultur – technisch anspruchsvoll, manchmal unbequem, aber konsequent. Genau das macht dieses Interview so lesenswert und erklärt, warum Leica für viele Fotografen mehr ist als nur eine Marke.




