Manche Bilder erzählen mehr, wenn man weiß, wie sie entstanden sind. Michael Frick sammelt solche Geschichten – und erzählt sie gern. Er ist selbstständiger Kreativdirektor und Markenberater, fotografiert seit rund sechs Jahren und porträtiert inzwischen unter anderem für die Financial Times. In seiner Bewerbung für den Podcast schrieb er, ihn interessiere weniger das perfekte Bild als das Gefühl, das ein Bild auslöst. In diesem Artikel erfahren Sie, wie er unfreiwillig zur Fotografie kam, was das Grafikdesign seinem Auge beigebracht hat und wie seine Porträts entstehen, die so beiläufig wirken.
Welche Geschichte steckt hinter einem Bild?
Schon im Hintergrund unseres Gesprächs hing eine: ein Porträt von Sinéad O’Connor, fotografiert von Andrew Catlin. Catlin gehörte zu den wenigen Fotografen, die bei Live Aid im Wembley-Stadion direkt vor der Bühne fotografieren durften. Letztes Jahr hat er mit einem gemeinsamen Freund in München eine Ausstellung organisiert, Michael hat sie dokumentarisch begleitet und als Dank Abzüge bekommen.
Die Geschichte zum O’Connor-Bild: Die Plattenfirma brauchte Fotos, wollte Catlin die Adresse der Sängerin aber nicht geben. Also nannte er seine eigene – und am Telefon wurde es still. Sinéad O’Connor war kurz zuvor in sein Haus gezogen, die beiden hatten sich nur nie getroffen. Die Bilder entstanden in seinem Schlafzimmer, in ihren Augen sieht man noch Catlins Silhouette vor dem Fenster. Die ganze Serie gibt es auch als Buch. Für Michael ist das der Reiz: Wer die Geschichte kennt, sieht ein Foto mit anderen Augen.
Wie wird ein Grafikdesigner zum Fotografen?
Michael kommt aus dem klassischen Grafikdesign, vom Flyer bis zur Website, und arbeitet heute mit seinem Studio Pona an Marken: wer ein Unternehmen sein will, wie es aussieht, wie es spricht, welche Bildwelt dazu passt. Fotografen hat er jahrzehntelang gebrieft. Selbst fotografiert hat er nie.
Bis ihn vor etwa sechs Jahren ein Geschäftsführer, ein sehr hemdsärmeliger Kunde, fragte, ob er die Bilder nicht einfach selbst machen wolle, statt einen Fotografen zu briefen. Michael hatte noch nie eine Kamera in der Hand, wusste weder etwas von Blende noch von ISO. Sein Bruder – wie er Autodidakt und aus der Skateboard-Szene, wo er immer fotografiert und gefilmt hat – zeigte ihm einen Tag lang die Grundlagen. Das Ergebnis begeisterte ihn so, dass er am selben Abend eine Kamera bestellte: eine Sony mit Kit-Objektiv. Seitdem ist er nie mehr ohne Kamera unterwegs.
Was er mitbrachte, war ein geschultes Auge. 26 Jahre Gestaltung bedeuten Proportionen, Licht, Schatten, Bildaufbau, den Goldenen Schnitt – irgendwann hat man das im Gefühl und braucht kein Raster mehr. Auch die Angst vor dem Anschneiden, die er bei manchen Fotografen bemerkt, kennt er nicht: Bildrahmen aufziehen macht er täglich tausendfach. Trotzdem schneidet er seine Fotos kaum nach, er baut das Bild schon beim Fotografieren. Umgekehrt hat die Fotografie seine Arbeit als Designer verändert. Früher suchte er Moodbilder heraus, heute kann er einem Fotografen sagen: offenblendig oder durchgezeichnet, dieser Farbstil, hier ist ein Preset.
Braucht man mehr Megapixel?
Seine Leica Q2 mit 28 mm hängt immer über der Schulter. Lange war die Leica SL2-S sein Arbeitspferd, inzwischen ist eine gebraucht gekaufte SL2 dazugekommen – bewusst ein älteres Modell, weil er für kommerzielle Aufträge etwas mehr Auflösung wollte, aber keinen besseren Autofokus und nicht noch mehr Pixel. 100 Megapixel haben im internationalen Werbegeschäft ihre Berechtigung, bedeuten aber Terabytes an Daten. Die meisten Bilder landen heute im Web und auf Social Media.
Michael arbeitet nur mit Festbrennweiten, weil sie ihn zwingen, sich zu bewegen. Privat steckt oft ein manuelles Voigtländer 40 mm an der SL – das fühlt sich für ihn nicht nach Arbeit an, sondern wie eine andere Kamera. Eine Leica M besitzt er nicht, mit dem System ist er „noch nicht hundertprozentig warm geworden“. Welche Kamera mitkommt, entscheidet er morgens nach Lust und Laune, etwa vor ein paar Wochen in Athen, wo er ab fünf, sechs Uhr früh durch die Straßen gezogen ist. Und das Smartphone? Michael nennt sich einen furchtbaren Handyfotografen. Seine Kamerarolle ist ein Notizzettel.
Wie kommt man an Oliver Zeidler und Dr. Andreas Kaufmann?
Kurz vor Weihnachten kam eine E-Mail der Financial Times aus London. Michael hielt sie zuerst für Spam. Der Bildredakteur hatte seine Arbeiten online gefunden und fragte, ob er am 23. Dezember den Ruder-Olympiasieger Oliver Zeidler an der Regattastrecke in München fotografieren könne. Grau in grau, eisig, Michael in Daunenjacke, Zeidler in dünner Sportkleidung. Sein trockener Kommentar: Wenn die Hände taub sind, dann geht’s.
Mit dabei war Zeidlers Großvater Hans-Johann Färber, der 1972 als Teil des „Bullenvierers“ auf genau dieser Strecke Olympiasieger wurde und für eine Wetzlarer Rudergemeinschaft fuhr. Er sah den roten Punkt an Michaels Kamera und erzählte Geschichten aus Wetzlar. Seitdem fotografiert Michael regelmäßig für die Financial Times, wenn sie in München jemanden porträtiert haben will. Reich wird man damit nicht, sagt er ehrlich, aber die Begegnungen sind ihm mehr wert als das Honorar.
Die zweite Geschichte: Ein Freund, der das RIZE Magazine (Kunst, Kultur, Kulinarik) herausgibt, fragte, ob er am nächsten Tag eine Stunde Zeit habe – für Dr. Andreas Kaufmann. Michael musste gestehen, dass ihm der Name nichts sagte. Nervös war er trotzdem. Eine Stunde Interview, am Ende zwei Minuten für Porträts. Kaufmann hatte selbst eine Kamera dabei und hat dabei auch Michael fotografiert. Die Porträts sehen Sie auf Michaels Instagram: https://www.instagram.com/p/DahvixriCQQ/
Und dann ist da Rúrik Gíslason, in Deutschland bekannt als Gewinner von „Let’s Dance“. Die beiden lernten sich auf einer Party kennen, Gíslason fotografiert selbst mit einer Leica Q. Am nächsten Tag durfte Michael ihn im Hotelzimmer begleiten, während er sich für einen Filmpreis fertig machte – Haare, Make-up, Licht nur von Spots an der Decke. Nicht der rote Teppich, sondern der Blick hinter die Kulissen.
Wie entstehen Porträts, die nicht gestellt wirken?
Michael arbeitet selten mit Blitz, meist mit vorhandenem Licht und ein paar kleinen, einfachen Lampen. Das Entscheidende ist aber das Gespräch. Bei einem Porträttermin hat er oft zehn, fünfzehn Minuten die Kamera in der Hand, ohne abzudrücken. Großer Lichtaufbau, ein Team im Hintergrund, eine riesige Kamera vor dem Gesicht – das hemmt viele Menschen. Also redet er, und zwischendurch fotografiert er.
Auf seinem Unterarm trägt er ein Tattoo nach Ralph Waldo Emerson: Jeder, dem man begegnet, kann etwas besser als man selbst. Genau das will Michael bei einem Porträt herausfinden. Manche Bilder entstehen trotzdem sehr gezielt, etwa mit seiner Partnerin Alexandra von Frankenberg, mit der er viel unterwegs ist. Perfekt ausgeleuchtete Porträts könnte er sich erarbeiten, sagt er, aber er will lieber Stimmung und Emotion herauskitzeln.
Tip: Zum Schluss ging es ums Kuratieren. Michael streicht auch eigene Lieblingsbilder aus einer Serie, wenn sie deren Fluss stören. Kill your darlings: Das Bild darf allein an der Wand hängen, aber nicht in der Serie. Probieren Sie das bei Ihrer nächsten Bildauswahl einmal aus.
Die Folge hören
Das ganze Gespräch mit Michael Frick hören Sie im Leica Enthusiast Podcast: https://www.leica-enthusiast-podcast.de/episode/michael-frick-erst-reden-dann-fotografieren
Das Video zur Folge sehen Sie auf YouTube: https://youtu.be/SrC-xQ13JQE
Mit Menschen über Fotografie reden
Michaels Porträts entstehen im Gespräch – und viele gute Gespräche über Fotografie entstehen bei einem Abendessen. Beim Afterwork Meet&Eat treffen sich Leica-Fotografen in entspannter Runde: https://www.birnbacher.com/afterwork/
Linksammlung
- Michael Frick, Fotografie: https://www.fricktion.de
- Michael Frick auf Instagram: https://www.instagram.com/fricktion_official/
- Porträts von Dr. Andreas Kaufmann (Instagram): https://www.instagram.com/p/DahvixriCQQ/
- Studio Pona (Branding): https://www.studiopona.de