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23. Oktober 2026

Adam Özdemir: Job gekündigt, alles auf eine Leica M10 gesetzt

Adam Özdemir hat vor vier Jahren seinen Job gekündigt und sein ganzes Geld in eine Leica M10 gesteckt. Seitdem begleitet er Politiker im Wahlkampf, dokumentiert und fotografiert als Tourfotograf für Samu Haber. Wir sprechen darüber, warum ihn ausgerechnet der Messsucher zu einem besseren Fotografen gemacht hat, warum eine Leica Menschen weniger einschüchtert und warum er die M10 jetzt trotzdem gegen eine Q3 tauscht.

Adam Özdemir: Job gekündigt, alles auf eine Leica M10 gesetzt

„Vor vier Jahren habe ich meinen Job gekündigt“ – so beginnt ein Instagram-Post von Adam Özdemir. Darunter: ein junger Mann im Auto mit einer silbernen Leica-Schachtel, auf der groß M10 steht, dazu der Satz, er habe all seine Ersparnisse für eine Traumkamera ausgegeben. Bei so einem Post kann ich nicht anders, als nachzufragen. Der Post war übrigens ein Abschied: Adam verkauft die M10. In diesem Artikel erfahren Sie, wie die Kamera ihn vier Jahre lang begleitet hat, warum ihn gerade ihre Einschränkungen besser gemacht haben und warum er sie jetzt trotzdem gehen lässt.

Wie kommt man mit einer Leica M10 in den Wahlkampf?

Auf Leica aufmerksam wurde Adam um 2020 über den Fotografen Paul Hüttemann, der seine Leica-Kameras sehr präsent zeigte. Für Adam war das zunächst ein Mysterium: Die Kameras sahen irgendwie alt aus, und er hatte ja seine Sony. Im Sommer 2022 lieh er sich für zwei Wochen eine Leica MP – und merkte, wie sehr er es liebte, mit dieser Kamera zu fotografieren.

Das Geld für die M10 kam aus einem Zufall. Adam studierte Medienmanagement, sein Dozent im Modul Filmproduktion war Produzent für das ZDF und fragte ihn nach einer Abgabe, ob er mitdrehen wolle. Mit seiner kleinen Sony A7 III drehte er eine Dokumentation für das ZDF-Magazin Frontal über die Sprengung von Geldautomaten an der deutsch-niederländischen Grenze. Heute würde er die Kameraarbeit besser machen, sagt er selbst. Mit dem Honorar kaufte er im Oktober 2022 die M10.

2023 wurde dann sein prägendes Jahr. Adam überredete seinen Dekan, das Pflichtpraktikum im eigenen Unternehmen machen zu dürfen – mit einem vereinbarten Umsatzziel und einer Art Businessplan. Über einen Freund mit einer Agentur kam ein Auftrag aus Luxemburg: acht Monate Foto- und Videobegleitung einer politischen Partei im Wahlkampf, mit Tagungen in Berlin und Nationalkongressen. Fotografiert hat er alles mit der M10 und einem Summicron 35 – dem einzigen Objektiv, das er je an dieser Kamera hatte.

Für keine Kamera hat Adam so viele Kommentare bekommen. Beim Gruppenfoto einer kleinen Delegation mit Julia Klöckner im Bundestag kam prompt: „Ach ja, eine Leica.“

Warum schüchtert eine Leica weniger ein?

Ein Jahr nach dem Erdbeben in der Türkei reiste Adam in die Region, aus der seine Vorfahren stammen – sie waren dort Aprikosenbauern –, um die Folgen zu dokumentieren. Eine Sony mit einem 70–200-mm-Objektiv, sagt er, wirkt wie ein Eindringen in die Privatsphäre. Mit der kleinen Leica konnte er Menschen auch in einer schweren Zeit fotografieren, und alles blieb auf einem respektvollen Niveau. Eine kleine, leise Kamera verändert, wie Menschen auf Sie reagieren.

Macht ein Zoom wirklich faul?

Adams Grundsatz: Einschränkungen sind mitunter der beste Lehrer. An seiner allerersten Kamera hatte er nur ein 50-mm-Objektiv, weil er in einem YouTube-Video gehört hatte, ein Zoom mache bewegungsfaul. Der Satz blieb hängen. Als er später an der Sony ein 24–70 nutzte, wurde er nach eigenen Worten „kompositionsfaul“ und „lauffaul“.

Beim Messsucher ist das anders: Im Sucher ist alles scharf, also muss er sich vorher genau überlegen, wo er was im Bild positioniert. Das zeigt sich in seinen Zahlen. Mit der Sony macht er 500 Bilder und braucht 150, mit der Leica 200 und braucht 100 – und 50 davon findet er wirklich exzellent. Heute fotografiert er bei Aufträgen mit beiden Systemen ungefähr gleich viel. In der Endauswahl landen trotzdem rund 70 Prozent Leica-Bilder.

Adam vergleicht das mit Schuhen von der Stange und Schuhen vom Schuhmacher. Bei fast jedem Leica-Foto weiß er noch, wo er war, was er gefühlt hat und wie das Wetter war.

Hier habe ich widersprochen: Bei einer Podiumsdiskussion oder Vorstandssitzung zählen nicht Gefühle, sondern dass die ersten Bilder jedes Redners scharf sind und schnell beim Kunden ankommen. Adam gibt mir recht. Für Mode- oder Produktfotografie würde er nie eine M nehmen. Bei Aufträgen arbeitet er mit einer Sony und dem 70–200 und hat die Leica mit dem 35er für die besonderen Momente dabei – etwa wenn zwei Menschen gerade ein Gespräch führen, das man vielleicht nicht hören sollte.

Warum eine Q3 nach vier Jahren M10?

Nach rund 40.000 Bildern hat Adam an der M10 nichts zu beanstanden, für ihn ist sie die schönste Kamera der Welt. Aber die Auflösung reicht für Aufträge nicht mehr ganz. Neben einer Sony A7R V mit 60 Megapixeln sieht man den Unterschied beim Beschneiden und bei hohen ISO-Werten (wobei die M10 inzwischen acht Jahre alt ist – fair ist der Vergleich nicht).

Eine Leica SL kam für ihn nicht infrage: Mit der Sony und ihren Wechselobjektiven ist er zufrieden, und für Video bräuchte er sonst wieder etwas anderes. Er hatte in vier Jahren nie das Objektiv gewechselt, und 35 mm waren ihm zuletzt zu eng. Also eine Leica Q3 mit 28 mm. Die Q2 hatte er vorher ausprobiert, sie war ihm nicht gut genug.

Nach zwei Wochen, fünf Live-Shows und drei größeren Politik-Events fotografiert er zu etwa 95 Prozent mit Autofokus. Neu schätzen gelernt hat er, dass er die Q mit einer Hand halten und in spontanen Momenten sofort auslösen kann. Bei schnell wechselndem Konzertlicht schaltet er trotzdem auf manuell. Die Gewohnheit, vor dem Auslösen nachzudenken, hat er aus der M-Zeit mitgenommen.

Bei den Farben sieht er zwischen den Systemen kaum Unterschiede – er bearbeitet seine Bilder ohnehin mit einem kräftigen Look. Was er sofort erkennt, ist der Übergang von Schärfe zu Unschärfe.

Exkurs: Adams Opa, selbst leidenschaftlicher Fotograf, nennt Bildbearbeitung „Farbmanipulation“. Das stimmt so nicht: Auch in der Dunkelkammer wurde bearbeitet – mit der Filmentwicklung, dem Papier, mit Abwedeln und Nachbelichten beim Vergrößern. Es kostete nur Zeit und Geld. Als Beispiel für die andere Richtung nennt Adam Serge Ramelli, der seine Paris-Bilder extrem bearbeitet hat: „total drüber, aber cool“.

Wie sieht ein Tag als Tourfotograf aus?

Bevor er Fotograf werden wollte, wollte Adam Schlagzeuger werden. Nach dem Abitur 2019 setzte er sich eine Regel: drei Monate Asien, jeden Tag Fotos und Videos mit seiner damaligen Canon 7D. Wenn er danach nicht genug hat, wird die Fotografie sein Beruf. Wegen Corona kam er zehn Tage früher zurück, die Entscheidung war trotzdem gefallen.

Heute verbindet er beides: Er begleitet Samu Haber, den früheren Sänger von Sunrise Avenue, den viele aus der Jury von The Voice of Germany kennen, als Tourfotograf. Ein Beispieltag: Dienstag und Mittwoch mit Politikern im Europaparlament in Brüssel, abends mit dem Zug nach Luxemburg, um 6 Uhr der Flug nach Wien, Schlaf in der Halle, Frühstück mit der Band. Um 18 Uhr stehen die Kameras an der Bühne, die Q behält er für Backstage-Momente bei sich.

Praxishinweis: Zehn Minuten vor der Show stellt Adam sich im Graben allen anderen Fotografen vor, damit jeder weiß, wer er ist. Drei Songs im Graben, ab dem vierten auf der Bühne. Bis Mitternacht sortiert er vor, dann schläft er eine Nacht darüber – und aus 200 Bildern werden am Morgen 80. Diese Nacht Abstand empfehle ich Ihnen bei jeder Bildauswahl.

Die Folge hören

Das ganze Gespräch mit Adam Özdemir hören Sie im Leica Enthusiast Podcast: https://www.leica-enthusiast-podcast.de/episode/adam-oezdemir-job-gekuendigt-alles-auf-eine-leica-m10-gesetzt

Das Video zur Folge sehen Sie auf YouTube: https://youtu.be/oVtELwWPRDM

Ein Tag mit der Leica M

Adam hat mit dem Messsucher gelernt, vor dem Auslösen nachzudenken. Wenn Sie das an Ihrer eigenen Leica M üben möchten: Im Work The M Tagesworkshop arbeiten wir einen Tag lang an Bedienung, Fokussieren und Bildgestaltung. Alle Infos: https://www.birnbacher.com/work-the-m-workshop/

Linksammlung

Michel Birnbacher (c) Simon

Über den Autor

Michel Birnbacher

Fotograf und Fachbuchautor, arbeitet seit vielen Jahren mit der Leica M. Er hat zwei Handbücher zur Leica M geschrieben und spricht seit 2016 im Leica Enthusiast Podcast mit Leica-Fotografen.

Mehr über Michel

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