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9. Oktober 2026

Gibt es den Leica-Look? Rainald Knecht erklärt, was Objektive anders machen

Gibt es den Leica-Look wirklich – und wenn ja, woher kommt er? Rainald Knecht denkt Fotografie vom Objektiv her und nicht vom Kamerabody. Wir sprechen über Dias, an denen man früher die Marke erkennen konnte, über die Punktspreizfunktion, die Vergütung

Gibt es den Leica-Look? Rainald Knecht erklärt, was Objektive anders machen

Über kaum ein Thema wird unter Leica-Fotografen so gern gestritten wie über den Leica-Look. Die einen sehen ihn sofort, die anderen halten ihn für Einbildung oder Marketing. Rainald Knecht hat dazu einen unserer Beiträge kommentiert, und in seinem Lebenslauf steht ein Satz, der mich neugierig gemacht hat: Man solle Fotografie vom Objektiv her denken und nicht vom Kamerabody. In diesem Artikel erfahren Sie, was den Leica-Look technisch ausmacht, warum andere Hersteller ihn nicht bauen wollen und weshalb er am Ende doch nicht das Wichtigste an einem Bild ist.

Woran hat man den Leica-Look früher erkannt?

Rainalds Antwort beginnt in der Zeit der Dias. Wer damals Bilder an die Wand projiziert hat, konnte oft intuitiv sagen, ob sie mit einem Objektiv von Leica, Nikon, Canon oder Pentax entstanden sind. Mit 18 oder 19 Jahren sah Rainald eine Leicavision-Multivisionsschau (eine Diaschau mit mehreren Projektoren) und merkte: Das ist eine ganz andere Art von Bildern. Mir ging es ähnlich – die Multivisionsschauen, etwa von Michael Martin oder Norbert Rosing, waren mein Jugendtraum.

Mein Satz dazu ist immer: Die analoge Kamera war dumm. Eine hohle Kiste, hinten der Film, vorne das Glas. Das Bild macht das Objektiv. Ich habe das selbst erlebt, als mir ein Händler in Wien zu meiner Nikon-Zeit eine Leica R mit dem APO-Macro 100 mm geliehen hat. Gleiches Motiv, Stativ, mein gewohnter Ektachrome 64 – und plötzlich waren die Rottöne roter, das Bild wärmer und die Kanten kantiger. Der Händler wusste genau, was er mir da in die Hand drückt.

Für Rainald ist klar: Leica hat über die Optik überlebt, kameratechnisch war die Firma über Jahrzehnte eher hinten dran. Geprägt haben den Look klassische Konstrukteure wie Walter Mandler.

Was ist der Leica-Look technisch?

Hier wird es etwas theoretisch, aber es lohnt sich – so habe ich das noch nie erklärt bekommen. Rainald nennt drei Punkte.

1. Die Punktspreizfunktion. Ein Lichtpunkt, etwa ein Stern oder eine Lampe, wird von keinem Objektiv als Punkt abgebildet, sondern als kleiner Fleck mit Kern und Rand (das Airy-Scheibchen). Wie dieser Fleck aussieht, beschreibt die Punktspreizfunktion (engl. point spread function). Leica-Objektive haben laut Rainald einen sehr konzentrierten Kern, daher die hohe Auflösung, aber der Rand läuft weich aus. Statt harter Kantenschärfe entsteht das, was Rainald den Schmelz nennt: Die Schärfe verläuft weich in den Hintergrund.

2. Die Korrektur der Abbildungsfehler. Licht am Rand einer Linse wird anders gebrochen als in der Mitte (sphärische Aberration), Blau anders als Rot (chromatische Aberration). Zeiss etwa korrigiert das massiv, daraus entsteht ein eher klinischer Look. Leica lässt nach Rainalds Einschätzung einen Rest sphärischer Aberration stehen: Das Bild bleibt scharf, wirkt aber nicht so hart. Er sagt selbst, dass Peter Karbe das sicher besser erklären könnte.

3. Die Vergütung. Auf jede Linse werden dünne Schichten aufgedampft. Sie bestimmen, welches Licht bevorzugt durchkommt. Daher die warmen, leicht rötlichen Farben – sogar bei kleinen Leica-Kompaktkameras. Nikon-Bilder wirken dagegen erdiger. Gleiche Linsenrechnung, andere Vergütung, andere Farben.

Praxishinweis: Ich habe drei 35er: ein altes Summicron 35 f/2, das APO-Summicron 35 und das aktuelle Summilux 35 1.4. Meine Frau ließ sich mit dem Summilux nicht gern porträtieren. Das APO, eigentlich am besten korrigiert, zeichnet Gesichter weicher, das alte Summicron noch weicher. Rainald erklärt das mit der Blendenöffnung und der chromatischen Aberration. Schärfe allein sagt also wenig über die Wirkung eines Objektivs.

Warum bauen andere Hersteller keinen Leica-Look?

Patente sind es nicht, die sind längst ausgelaufen. Rainald glaubt: Die großen Hersteller könnten das alle, aber sie wollen es nicht. Sie liefern einer breiten Gruppe von Fotografen ein möglichst neutrales Bild, aus dem jeder in der Nachbearbeitung macht, was er möchte – früher war das auch die Philosophie von Zeiss. Sony-Objektive sind messtechnisch beispielhaft korrigiert, die Anmutung des Bildes ist aber eine ganz andere. Optik ist auch Mode: Seit etwa 25 Jahren liebt man neutral zeichnende Objektive und macht den Look am Rechner. Ganz hin kommt man so laut Rainald aber nicht.

Er zieht einen Vergleich zum Film: Regisseure wie Quentin Tarantino wählen ihre Optiken sehr bewusst. Klassische Hollywood-Filme entstanden oft mit Objektiven von Cooke, Cinemascope-Filme mit Objektiven von Bausch & Lomb – weil man wusste, welchen Look man erzeugen wollte.

Dazu kommt die Software. Objektive sollen kleiner und leichter werden, also wird vieles in der Kamera digital korrigiert. Leica hat dagegen eine digitale Kamera für die vorhandenen M-Objektive gebaut – wer ein M-Weitwinkel an eine andere Kamera setzt, merkt schnell, dass deren Sensor mit dem schräg einfallenden Licht nicht zurechtkommt. Und manches kehrt zurück: Das Leitz Phone hat ein Profil für die M9, Voigtländer baut alte Rechnungen nach, und der Lens Flare (Lichtreflexe im Objektiv), den wir früher vermeiden wollten, ist heute gewollt. Rainald glaubt, dass sich der Look in fünf bis zehn Jahren weitgehend digital nachbauen lässt.

Chinesische Nachbauten: Verrat oder Einstieg?

Chinesische Hersteller wie Mandler bauen klassische Leica-Objektive inzwischen nach, etwa das Summicron 35 f/2. Das Glas kommt ohnehin von wenigen Lieferanten (Rainald nennt Schott), die Vergütung lässt sich nachgestalten. Rainald sieht das positiv: Eine neue M kostet im Body rund 9.000 Euro, mit Objektiv sind Sie schnell bei 15.000 Euro. Ein Objektiv für rund 1.000 Euro an einer M ist für junge Menschen ein Einstieg, später kann ein Leica-Objektiv folgen – vorausgesetzt, man möchte manuell scharfstellen.

Den klassischen M-Body haben 1954 Willi Stein und Heinrich Janke für die Leica M3 entworfen, er hat sich über 70 Jahre gehalten. Rainalds Sorge gilt der Zukunft: Bleibt die DNA von Leica erhalten oder nur das Label? Rollei hatte mit der Rolleiflex großartige Kameras und scheiterte trotzdem an der Managementpolitik. Die Leica Q verkauft sich inzwischen besser als die M; ihr Look trägt die Leica-DNA, liegt aber näher an der SL.

Wie erkennt man den Leica-Look heute?

Meine hartnäckigste Frage: Woran sehen Sie es einem Bild an? Rainalds ehrliche Antwort: fast nur an unbearbeiteten Bildern. Bei Werbeplakaten wie der Marlboro-Werbung, die 1:1 vergrößert wurden, sah man es früher sofort. Legt man ihm drei bis fünf unbearbeitete Bilder desselben Motivs vor, erkennt er die Leica. Jede Nachbearbeitung verwischt es.

Und dann kommt der Satz, mit dem Rainald das ganze Gespräch auf den Kopf stellt: Das Wichtigste ist nicht der Look, sondern ob der Fotograf uns mit dem Bild berührt. Heute versuchen viele, Henri Cartier-Bresson nachzuahmen – der selbst irgendwann zur Malerei gewechselt ist. Ein mittelmäßiges Bild rettet auch das beste Objektiv nicht.

Rainald wollte als Jugendlicher eigentlich eine Minox, weil er sie einstecken konnte. In den Prospekten der 80er Jahre – Minolta, Canon, Pentax, Yashica, Rollei, Contax, Fuji, Nikon – lagen ihm Minolta und Leica am meisten, auch die Mamiya 6×7. Später kam die M6 mit einem 35 mm 1.4 und einem 135 mm. Auch die Profis, die er in Hamburg kennengelernt hat, kamen mit wenigen Objektiven aus. Heute fotografiert er zu 90 Prozent mit dem iPhone, und die schönsten Aufnahmen entstehen damit, weil er es dabeihat.

Tip: Rainalds Rat zum Schluss: Weniger ist mehr. Nehmen Sie ein Objektiv, etwa ein 35er, das bis zum Porträt taugt, und schauen Sie, was Sie damit machen können. Lernen Sie sehen und nehmen Sie sich Zeit. Lieber ein Smartphone und drei, vier Reisen als eine Ausrüstung für 20.000 Euro, mit der Sie dann nur um die Ecke fotografieren.

Die Folge hören

Das ganze Gespräch mit Rainald Knecht hören Sie im Leica Enthusiast Podcast: https://www.leica-enthusiast-podcast.de/episode/gibt-es-den-leica-look-rainald-knecht-erklaert-was-objektive-anders-machen

Michel Birnbacher (c) Simon

Über den Autor

Michel Birnbacher

Fotograf und Fachbuchautor, arbeitet seit vielen Jahren mit der Leica M. Er hat zwei Handbücher zur Leica M geschrieben und spricht seit 2016 im Leica Enthusiast Podcast mit Leica-Fotografen.

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