Normalerweise sprechen wir im Leica Enthusiast Podcast über Kameras und Fotografie – diesmal ging es auch um Autos. Mein Gast Thomas Mattern hat für seinen Bildband Grace in Motion – Weiblich, elegant, luftgekühlt 20 Frauen und ihre luftgekühlten Porsche fotografiert, und zwar ausschließlich mit einer Leica Q3. Wenn man von Leica spricht, meint man meistens die M; wenn man einen Porsche zeichnen soll, zeichnet kaum jemand einen SUV. Dass beides zusammenpasst, war schnell klar. In diesem Artikel erfahren Sie, wie aus einem geplanten Autobuch ein Buch über Menschen wurde, wie Thomas seine Fahrerinnen gefunden hat und was er über Bildauswahl gelernt hat.
Wie kommt man von der IT-Branche zum eigenen Bildband?
Anfang 2025 ist Thomas aus dem aktiven Berufsleben in der IT-Industrie ausgeschieden. Ein Freund und früherer Kollege, Stefan Hänisch, fuhr seit Jahren Alpenpässe und vermisste dabei die Informationen, die er sich am Anfang selbst gewünscht hätte. Weil ihm Papier und Druck wichtig waren, gründete er mit EPIC ROADS kurzerhand einen eigenen Verlag. Zuerst erschien der Reiseführer Driving the Alps, Thomas bearbeitete die Bilder und steuerte eigene Fotos von drei Pässen bei. Daraus wurde das gemeinsame Coffee-Table-Buch Mountain Passes – The Alps.
Fotografiert hat Thomas schon lange. Sein Vater war mit einer Olympus viel in den Bergen unterwegs und machte Erinnerungsfotos für ganze Wandergruppen. Später fotografierte Thomas mit der Canon seiner Frau und mit Sony – „immer nur so ein Kompromiss“. Beruflich kam er aus Marketing und Kommunikation und eher vom Video: Interviews, Filme, ein Mitarbeitermagazin, für das er gemeinsam mit einem fotobegeisterten Kollegen Fotografen vorstellte und Photoshop lernte. Dort traf er auch zum ersten Mal einen Kollegen, der mit einer Leica Monochrom fotografierte. Thomas machte damals elektronische Musik, und statt kleiner CD-Booklets entstanden mit diesen Leica-Bildern richtige Fotobücher in limitierter Auflage. Seitdem stand für ihn fest: Wenn er sich selbst einmal so eine Kamera kauft, wird es eine Leica.
Warum ein Porsche – und warum die Q3?
Die Q3 kam zuerst, rund vier Monate später der luftgekühlte 911. Unter Porsche-Fahrern sieht Thomas zwei Lager: die Technik- und Motorsportbegeisterten und die, die vom Design und der Emotion kommen. Er gehört klar zur zweiten Gruppe. Selbst schrauben tut er übrigens nicht, er bringt den Wagen in eine der vielen freien Werkstätten – so wie man einen Film ins Labor bringt, statt selbst zu entwickeln.
Hier habe ich widersprochen: Wer so viel Wert auf Purismus legt, müsste eigentlich eine M oder gleich analog fotografieren. Die Q3 ist im Vergleich doch eher der „Elektro-Porsche“ mit Autofokus und Assistenten. Thomas gibt mir teilweise recht. Eine M hat er durchaus im Hinterkopf, analog scheitert vor allem an der Zeit. Und die nächste Kamera? „Mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit“ eine Leica.
Wie findet man 20 Fahrerinnen?
Die ursprüngliche Idee war einfach: ein paar Wochenenden, schöne Autos, ein Fotobuch. Dann fragte Thomas einen Bekannten aus dem Porsche Club, ob er dessen rotes F-Modell, einen Targa von 1972, fotografieren dürfe. Die Antwort: Das Auto gehört gar nicht mir, sondern meiner Frau. Thomas sprach mit Silke, erzählte zu Hause seiner Lebensgefährtin Miriam davon – und sie riet ihm, nicht einfach ein Autobuch zu machen, sondern Frauen zu fotografieren, die solche Autos fahren. Verleger Stefan Hänisch war sofort dabei, ebenso Carsten Prochaska, Präsident des Porsche Club für den klassischen 911.
Die Frauen kamen über verschiedene Wege: über den Club (etwa Katja mit dem weißen F-Modell, Tessy und Petra), über freie Community-Treffen wie bei Jule, deren Kapitel in Schwarz-Weiß gehalten ist, über Instagram und über Empfehlungen. Am Ende hatten weit mehr als 20 Interesse. Thomas hat trotzdem bei 20 aufgehört, damit jedes Kapitel seine 12 bis 14 Seiten behält – vielleicht gibt es dafür einen weiteren Band.
Wichtig ist ihm: Das sind keine Models, sondern echte Fahrerinnen mit eigenen Geschichten. Wie nötig das ist, zeigt eine Szene aus dem ersten Kapitel mit Gabriele. Während Thomas fotografiert, kommt ein Mann aus dem Gebäude gegenüber und fragt ihn, wie viel PS der Wagen hat. Thomas: „Das kann ich gerade gar nicht sagen. Es ist ihres.“ Gabriele stand eineinhalb Meter daneben.
Warum bestimmen die Frauen den Ort?
Anfangs suchte Thomas im Umkreis von 100 Kilometern selbst nach Orten, etwa Industriekultur und Lost Places. Spätestens nach der ersten Session war ihm klar: Die Bilder werden besser, wenn sie dort entstehen, wo die Fahrerinnen zu Hause sind und sich wohlfühlen. So kamen über 10.000 Kilometer zusammen, bis ins Kaisergebirge in Österreich.
Am weitesten fuhr er zu Claudia nach Hamburg, einer ausgebildeten Feinmechanikerin und Schweißerin. Geplant war nichts: gemeinsam frühstücken, dann zu den Landungsbrücken, in die Speicherstadt und spontan zur Elbphilharmonie, wo Thomas aus dem Auto sprang. Er vergleicht das mit Musik: improvisieren und aus dem Moment heraus arbeiten, auch wenn nicht alles perfekt ist. Bei Katja am Mannheimer Containerhafen kam ausgerechnet die Sonne heraus, die sie eigentlich nicht wollte; in Freiburg musste ein Shooting wegen eines Wolkenbruchs unterbrochen werden. Bei Nicole und ihren drei Töchtern fährt die ganze Familie denselben Targa, das Kapitel heißt „Geteilte Leidenschaft“. Und Chiara, die mit alten Maschinen Motorradrennen fährt, fotografierte er in der Schildkrötfabrik, deren weiße Halle zur Farbe ihres Autos einen schönen Kontrast bildet.
Exkurs: Das Titelbild mit Claudia vor der Elbphilharmonie zeigte ursprünglich zwei Passanten. Weil eine Person auf dem Umschlag ungünstig angeschnitten war, hat Thomas beide entfernt.
Was lernt man aus 7.000 Bildern?
Ausrüstung: nur die Q3 mit ihren 28 mm, aus der Hand. Das Stativ war nur für Langzeitbelichtungen fahrender Autos dabei, im Buch ist davon ein Bild. Thomas ist Purist – beim Musikmachen genügt ihm eine Gitarre, direkt in den Verstärker.
Insgesamt entstanden rund 7.000 Aufnahmen, pro Shooting zwischen 350 und 800. Bei Porträts nutzte er Serienbilder, die Autos fotografierte er einzeln. Die Hälfte fiel als doppelt oder unscharf gleich weg. In Lightroom bewertete er weiter bis auf rund 70 Bilder mit Ausschnitt und Grundbearbeitung, am Ende blieben pro Fahrerin etwa 30. Das Schwierigste: die eigenen Bilder auszuwählen. Gibt man ihm 120 fremde Bilder, wählt er in einer Dreiviertelstunde zehn aus – bei den eigenen sei es „brutal“.
Praxishinweis: Jede Fahrerin bekam das fertige Layout mit Bildern und Text zur Durchsicht und durfte Änderungen wünschen. Nur bei zwei wurden Porträts ausgetauscht. Thomas arbeitete ohne Make-up und ohne zusätzliches Licht – authentisch statt hergerichtet. Die größte Überraschung für ihn: Die Texte waren eine größere Herausforderung als die Fotos.
Die Folge hören
Das ganze Gespräch mit Thomas Mattern hören Sie im Leica Enthusiast Podcast: https://www.leica-enthusiast-podcast.de/episode/thomas-mattern-grace-in-motion-20-fahrerinnen-20-porsche-eine-leica-q3
Das Video zur Folge sehen Sie auf YouTube: https://youtu.be/rW6mfV1buUs
Menschen und ihre Geschichten
Hinter jedem Bild in diesem Buch steht ein Gespräch. Wenn Sie solche Gespräche auch abseits des Podcasts mögen: Beim Afterwork Meet&Eat sitzen wir in lockerer Runde ohne festes Programm zusammen, essen und reden über Fotografie – mit Leica, mit einer anderen Kamera oder ganz ohne. Alle Infos: https://www.birnbacher.com/afterwork/
Linksammlung
- Grace in Motion – Weiblich, elegant, luftgekühlt: https://www.epic-roads.com/de/products/grace-in-motion-german-edition
- Mountain Passes – The Alps: https://www.epic-roads.com/de/products/mountain-passes-the-alps-english-edition
- EPIC ROADS Verlag (alle Bücher): https://www.epic-roads.com
- Thomas Mattern auf Instagram (@luftporsche): https://www.instagram.com/luftporsche/
- EPIC ROADS auf Instagram (@epicroads.drive): https://www.instagram.com/epicroads.drive/
- Bericht von der Buchpremiere (Felize): https://www.felize.com/story/grace-in-motion-frauen-mit-luftgekuehltem-porsche