Heute reden wir ausnahmsweise nicht über Leica – oder zumindest fast nicht. Feyzi Demirel war bereits im Juli 2024 bei mir im Podcast und hat damals von seinem Weg zur Leica erzählt. Diesmal zeigt er etwas, das er neben der Fotografie gebaut hat: FLANEUR, eine App für das Smartphone, die Street- und Reisefotografen unterwegs begleitet. In diesem Artikel erfahren Sie, was hinter Walk, Spot und Session steckt, wie Sie mit der App eine Fotoreise vorbereiten, warum Aufgabenkarten beim Fotografieren helfen und wo Ihre Daten bleiben.
Warum noch eine Foto-App?
Diese Frage habe ich Feyzi gleich zu Beginn gestellt. Es gibt PhotoPills, Sunseeker, ProCamera und viele andere. Seine Antwort war ehrlich: Ob man FLANEUR braucht, muss am Ende jeder selbst entscheiden. Er selbst hat sich jahrelang mit Behelfslösungen durchgeschlagen – ein Handyfoto als GPS-Merker für einen guten Ort, Notizen in der Notizen-App oder im kleinen Notizheft, die Reiseplanung wieder in einer anderen App und einmal im Jahr der Lightroom-Katalog in irgendeinem Auswerteprogramm, um zu sehen, mit welcher Kamera und welcher Brennweite er am meisten fotografiert hat. Dazu kam in den letzten Jahren seine Leidenschaft für das Journaling, also das Aufschreiben dessen, was man beim Fotografieren erlebt.
FLANEUR bündelt all das in einer App. Gedacht ist sie in erster Linie für Straßenfotografen, auf Reisen funktioniert sie genauso. Und sie soll, so Feyzi, die eigene Entwicklung als Fotograf begleiten.
Walk, Spot und Session: Was ist der Unterschied?
Ein Walk zeichnet Ihre Strecke auf, ähnlich wie eine Sportuhr. Ich habe das an einem Wochenende in Österreich ausprobiert. Alle Fotos, die Sie in dieser Zeit mit dem Handy machen, ordnet die App dem Walk automatisch zu.
Mit einem Spot markieren Sie einen Ort. Das hat mir am besten gefallen: Sie vergeben eine Kategorie (Straßenszene, Architektur, Verkehr oder urbaner Verfall), notieren, wann dort vermutlich das beste Licht ist – etwa zur goldenen Stunde –, vergeben Sterne und schreiben dazu, warum Sie wiederkommen wollen. Ein Foto lässt sich anhängen. Ein kleiner Wunsch von mir: Ich würde das Foto gern direkt aus dem Spot heraus aufnehmen, derzeit muss es vorher gemacht sein.
Die Session steht in der Hierarchie darüber. Sie kann einen Walk enthalten, lässt sich aber auch nachträglich anlegen – etwa wenn Sie den Akku schonen wollten oder schlicht vergessen haben, die Aufzeichnung zu starten. Hier halten Sie fest, welches Equipment Sie dabeihatten, ob Sie analog fotografiert haben und welche Filme, wen Sie kennengelernt haben und wem Sie später ein Bild schicken möchten. Fotos aus der Hauptkamera können Sie später ergänzen.
Praxishinweis: Wenn Sie nach einer Session eintragen, wie viele Bilder entstanden sind und wie viele davon „Keeper“ sind, sehen Sie mit der Zeit Ihre eigene Keeper-Quote. Feyzi formuliert die Frage dahinter sehr direkt: Wie gut bin ich darin, gute Fotos zu machen – oder fotografiere ich einfach drauflos?
Wie plane ich eine Fotoreise mit FLANEUR?
Für mich als Workshopleiter war die Reiseplanung der spannendste Teil. Anfang November bin ich mit einer Gruppe in Venedig, und genau dafür habe ich die Reiseplanung ausprobiert. Sie legen eine Shortlist an mit dem, was Sie fotografieren möchten, und setzen Spots: Hotel, Restaurant, Fotoorte. Entdecken Sie auf der Karte ein Restaurant, fügen Sie es mit einem längeren Druck direkt einer bestehenden oder einer neuen Reise hinzu. Alles ist offline verfügbar.
Natürlich kann Google Maps an dieser Stelle mehr. Feyzi sieht das genauso: Die Funktion ist in FLANEUR rudimentärer, aber dafür haben Sie alles in einer App und müssen nicht zwischen mehreren Programmen wechseln.
Aufgabenkarten: Warum Challenges beim Fotografieren helfen
Viele kennen gedruckte Aufgabenkarten für Straßenfotografen, ich erinnere mich etwa an ein Kartenset von Thomas Leuthard. Das Problem: Die Karten liegen zu Hause herum. Feyzi hat einmal drei Karten für einen Workshop mitgenommen – und sie im Hotel vergessen, als er sie gebraucht hätte.
In FLANEUR gibt es zunächst kostenlose Starter-Tipps zur Straßenfotografie. Dazu kommen drei Aufgabendecks: das Straßendeck mit 52 Aufgaben, das Licht-und-Schatten-Deck mit 26 und das Starter Deck mit acht Aufgaben, das dauerhaft kostenlos bleibt. Jede Aufgabe hat einen Schwierigkeitsgrad von eins bis drei, Sie können sie zur Tages-Challenge machen und Ihre Erfahrungen direkt im Journal festhalten.
Ein Beispiel, das ich im Gespräch vorgelesen habe: Suchen Sie nach Sonnenuntergang eine einzelne Straßenlaterne mit etwas Betrieb in der Nähe. Der Lichtkegel ist Ihr ganzes Bild, mindestens acht Aufnahmen lang. Wer den Kegel verlässt, ist für Ihre Kamera nicht mehr da. Darunter steht, warum Sie das weiterbringt: „Eine Lichtquelle heißt eine Bühne und eine Bühne heißt Konzentration.“ Genau diese Geduld brauchen Straßenfotografen.
Hinweis: Nicht jede Aufgabe liegt jedem – Feyzi vergleicht das mit einem Mathetest in der Schule. Fangen Sie mit dem kostenlosen Starter Deck an und entscheiden Sie dann selbst.
Zitate, Journal und Datenschutz
Über 600 Fotografie-Zitate liefern jeden Tag ein Zitat des Tages, auf Wunsch morgens als Nachricht aufs Handy. Abzeichen bringen etwas Spielerisches hinein; Feyzi spricht von rund 74 Sonderabzeichen, darunter ein kleines Geheimnis für alle, die eine Session in Istanbul anlegen. Sein Herzstück ist aber das Journal: Gedanken, Notizen und Fundstücke aus anderen Apps, etwa ein YouTube-Video, schicken Sie über „Senden an FLANEUR“ direkt in die passende Kategorie.
Beim Datenschutz hat Feyzi eine klare Entscheidung getroffen: Es gibt keinen eigenen Server, er sieht keine Daten seiner Nutzer. Alles liegt in Ihrer persönlichen iCloud, bei der kommenden Android-Version im Google Drive. Das hat einen Preis, den er offen benennt: Es gibt kein gemeinsames Konto, ein Umzug zwischen den Plattformen ist aufwendiger. Walks lassen sich als GPX-Daten trotzdem austauschen.
Derzeit läuft FLANEUR in Version 1.4.1 auf dem iPhone. Die Android-Version ist in Arbeit, eine Testversion hat Feyzi mir bereits gezeigt. Danach möchte er die App unter anderem in Richtung Analogfotografie weiterentwickeln. Mein Eindruck: Die App ist mir nie abgestürzt und so übersichtlich aufgebaut, dass ich mich schnell zurechtgefunden habe. Feyzi baut sie, wie er sagt, aus purem Enthusiasmus. Wenn sie Ihnen gefällt, hilft ihm eine Bewertung im App Store.
Die Folge hören
Das ganze Gespräch mit Feyzi Demirel hören Sie im Leica Enthusiast Podcast: https://www.leica-enthusiast-podcast.de/episode/flaneur-street-und-reisefotografie-app-von-feyzi-demirel
Linksammlung
- Feyzi Demirel: https://www.feyzidemirel.com
- Feyzi Demirel auf Instagram: https://www.instagram.com/feyzi_demirel/
- FLANEUR: https://www.streetflaneur.com
- FLANEUR auf Instagram: https://www.instagram.com/streetflaneurapp/
- FLANEUR im App Store: https://apps.apple.com/app/flaneur-street-photography/id6787737990
- Erste Folge mit Feyzi Demirel (5. Juli 2024): https://www.leica-enthusiast-podcast.de/episode/feyzi-demirel-zu-gast-bei-michel-birnbacher
- Mein Beitrag „FLANEUR: Die App, die sich an jeden Fotospaziergang erinnert“: https://www.birnbacher.com/flaneur-app/
Selbst ausprobieren
Eine App kann Ihnen Aufgaben stellen und Orte merken – das Sehen auf der Straße üben Sie am besten gemeinsam mit anderen. Wenn Sie das konzentriert ausprobieren möchten, schauen Sie sich meine Fotoreise Rotterdam Streetphotography an: https://www.birnbacher.com/rotterdam-2027/


